Der Erprobungsraum trifft auf das evangelische Schulzentrum

11.10.2026

alexandermatyschik

Was sind Erprobungsräume? Die evangelische Kirche beschäftigt sich mit grundlegenden Fragen: Was brauchen Menschen von Kirche? Was fehlt ihnen? Und wie muss sich Kirche weiterentwickeln, um ...

Was sind Erprobungsräume?

Die evangelische Kirche beschäftigt sich mit grundlegenden Fragen: Was brauchen Menschen von Kirche? Was fehlt ihnen? Und wie muss sich Kirche weiterentwickeln, um neue Zielgruppen zu erreichen und auch diejenigen anzusprechen, die sich von traditionellen kirchlichen Angeboten nicht angesprochen fühlen?

Aus diesen Überlegungen entstand die Idee der Erprobungsräume: zeitlich begrenzte, wissenschaftlich begleitete Projekte, in denen neue Formen kirchlichen Lebens entwickelt und erprobt werden können. Sie schaffen Freiräume, um mutig neue Wege zu gehen, ungewohnte Ideen auszuprobieren und Kirche anders zu gestalten.

Kurz gesagt: Erprobungsräume sind Freiräume für eine Kirche, die Neues wagt. 

Die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) fördert derzeit ca. 28 Erprobungsräume, die sich mit unterschiedlichen Zielgruppen, Lebenswelten und Formen kirchlicher Gemeinschaft beschäftigen.

Welchen zeitlichen Rahmen haben Erprobungsräume?

Ein Erprobungsraum ist auf maximal fünf Jahre angelegt. In dieser Zeit können Ideen wachsen, Angebote erprobt und Erfahrungen gesammelt werden. Die Förderung durch die Landeskirche ist zeitlich begrenzt.

Nach Ablauf dieser Phase stellt sich die Frage, wie es weitergeht: Möchte die Gemeinde oder die verantwortliche kirchliche Struktur das Projekt weiter unterstützen, das Angebot ausbauen oder einzelne Elemente in anderer Form fortführen?

Ziel ist es, aus den Erfahrungen zu lernen und herauszufinden, welche neuen Formen von Kirche langfristig Bestand haben können.

 

Mein Weg in den Erprobungsraum

Als ich zum ersten Mal von diesem Format hörte, war ich sofort Feuer und Flamme.

Ich selbst habe 2002 mein Abitur am DBG gemacht. Sowohl meine Tochter als auch meine Nichten besuchen heute eine der beiden Schulen. Die „unsichtbaren Mauern“ zwischen den Schulformen und die damit verbundenen Herausforderungen sind mir daher bewusst.

Mein Herz schlägt für beide Schulformen. Ich wünsche mir, dass junge Menschen einander begegnen, Vorurteile überwinden und erleben können, was Gemeinschaft bedeutet – unabhängig davon, welche Schule sie besuchen.

Als ordinierte Diakonin ist es meine tiefste Überzeugung: Jedes Kind ist ein von Gott geliebtes und gewolltes Kind.Eine Überzeugung, die uns Menschen im Alltag manchmal schwerfällt zu leben – die für mich jedoch die Grundlage meines Handelns ist.

Was bietet der Erprobungsraum im Haus B?

Ein Raum zum Ankommen und Wohlfühlen

Während ausgewiesener Pausenzeiten haben die Schüler*innen die Möglichkeit, den Erprobungsraum im Haus B zu besuchen. Sie erwartet ein gemütlich eingerichteter Raum mit einem großen Tisch und vielen Möglichkeiten, gemeinsam Zeit zu verbringen und kreativ zu werden.

Dabei hat sich gezeigt, dass besonders Schach sowie Wolle und Häkelnadeln hoch im Kurs stehen. Für beides gibt es ein reichhaltiges Angebot.

Der Raum bietet die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen, Kontakte zu knüpfen, miteinander ins Gespräch zu kommen oder einfach eine Auszeit vom Schulalltag zu genießen.

Themenbezogene Angebote

Aus den offenen Begegnungen und Gesprächen mit den Schüler*innen sind inzwischen zwei feste Gruppenangebote entstanden.

DIE AUTOR*INNEN-GRUPPE

Bereits zum zweiten Mal in Folge entwickeln Schüler*innen beider Schulen gemeinsam das Krippenspiel für die Friedenskirche der Evangelischen Kirchengemeinde Hilden. Die Aufführung findet am 24. Dezember um 16 Uhr statt.

Fast jeden Freitag trifft sich die Gruppe in den Räumlichkeiten des Hauses B, um an einem neuen Theaterstück zu arbeiten. Dabei können die Jugendlichen selbst auf der Bühne stehen, sich mit der Regie beschäftigen oder ihre Ideen beim Schreiben einbringen. Wer einfach nur mitschreiben möchte, ist ebenso herzlich willkommen.

Es ist eine besondere und dankbare Aufgabe, die Jugendlichen über ein ganzes Jahr hinweg bei diesem kreativen Prozess begleiten zu dürfen. Gemeinsam entdecken wir die Symbolik hinter den Figuren des Weihnachtswunders und begegnen der Weihnachtsgeschichte jedes Jahr aus neuen Blickwinkeln. Dabei entstehen nicht nur Theaterstücke, sondern auch neue Perspektiven auf eine vertraute Geschichte.

DIE LICHTBLICK-GRUPPE

Eine weitere Gruppe Jugendlicher trifft sich regelmäßig außerhalb des Schulalltags und der schulischen Räumlichkeiten, um sich mit theologischen und persönlichen Fragen auseinanderzusetzen.

Manche Themen kennen die Jugendlichen bereits aus dem Religionsunterricht. Hier steht jedoch etwas anderes im Mittelpunkt: der bewertungsfreie Austausch, die Freiheit, eigene Gedanken zu entwickeln, Fragen zu stellen und auch einmal über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen.

Unser letztes Thema war die Schöpfung. Wir haben uns intensiv mit den Bäumen im Garten Eden beschäftigt, einen roten Faden entdeckt, der sich durch die Bibel zieht, und unsere gemeinsame Auseinandersetzung schließlich mit einer Abendmahlsfeier abgeschlossen.

So wird Glaube nicht nur besprochen, sondern gemeinsam entdeckt, erlebt und gestaltet.

COVENTRY – VERSÖHNUNG ERLEBEN

Das Thema Versöhnung geht uns alle an. Eine Gruppe von Schüler*innen beider Schulen durfte erfahren, was es bedeutet, Versöhnung nicht nur als Wort zu kennen, sondern ihr ganz konkret zu begegnen.

Im vergangenen Jahr führte uns eine Reise nach Coventry. Elf Jugendliche beider Schulen besuchten die Gedenkstätte, begegneten einer Jugendgruppe und waren beeindruckt von der Offenheit und Gastfreundschaft der Gemeinden.

Die Begegnung machte deutlich, wie aus einer Geschichte von Zerstörung und Leid neue Hoffnung wachsen kann. Coventry steht beispielhaft dafür, dass Versöhnung möglich ist, wenn Menschen aufeinander zugehen, Verantwortung übernehmen und bereit sind, gemeinsam neue Wege zu beschreiten.

Die Erfahrungen dieser Reise wirken über den Besuch hinaus: Sie eröffnen neue Perspektiven auf Gemeinschaft, Frieden und die Frage, wie wir selbst zu einer versöhnlicheren Welt beitragen können.

Was erwartet uns im kommenden Jahr?

Im kommenden Jahr widmet sich das Evangelische Schulzentrum dem Projekt „Engel der Kulturen“. Weitere Informationen und Einblicke in die geplanten Aktionen wird es zu gegebener Zeit auch für die Eltern geben.

Doch so viel sei schon verraten: Beide Schulen machen sich gemeinsam stark für den interreligiösen Dialog, gegenseitigen Respekt und ein friedliches Miteinander. Dazu sind verschiedene Angebote und Begegnungsmöglichkeiten geplant, die dazu einladen, Gemeinsamkeiten zu entdecken, Unterschiede kennenzulernen und voneinander zu lernen.

Ein besonderer Höhepunkt wird unser gemeinsamer Veranstaltungstag am 17. September 2027 sein. Ich freue mich schon sehr darauf, diesen besonderen Weg gemeinsam mit den Schüler*innen, den Schulen und unseren Kooperationspartnern zu gestalten und ein sichtbares Zeichen für ein respektvolles und friedliches Miteinander zu setzen.

 

Diakonin Verena Kipp